Wir müssen reden

Eine neue britische Studie bestätigt nicht nur das, was wir schon lange wissen – nämlich, dass Golf unserer Psyche gut tut. Sie legt auch nahe, dass wir uns überhaupt mehr mit dem Thema befassen sollten.

TEXT: NINA TREML | FOTOS: GETTY IMAGES

«Wenn jemand lausig Golf spielt, braucht er keinen Golflehrer, sondern einen Psychiater», sagte einst der golfverrückte US-Politiker Tom Murphy. «Der Geist verdirbt mehr Golfschläge als der Körper», drückte es der 15-fache PGA-Turnier-Sieger Tommy Bolt aus. «Ich war nur ein paar Zentimeter davon entfernt, ein herausragender Golfer zu werden, nämlich die Distanz zwischen meinem linken und meinem rechten Ohr», befand wiederum Major Champion Ben Crenshaw. Golf, so sind sich alle einig, ist Kopfsache. Folgerichtig füllen Bücher mit Tipps zur mentalen Herangehensweise und für Selbstüberlistungen ganze Bibliotheken, während sich jeder Profi heutzutage einen eigenen Mental Coach zulegt. Gibt man die Stichwörter «Golf» und «mental » bei Google ein, fördert die Suchmaschine gar über 160 Millionen Ergebnisse zutage. Was dabei gerne einmal vergessen wird: Nicht nur beeinflusst die Psyche das Spiel – in ähnlichem Ausmass wirkt sich Golf auch auf die Psyche aus.

Um diesen Zusammenhang genauer unter die Lupe zu nehmen, hat die britische Versicherungsgesellschaft Golf Care insgesamt 1623 Golferinnen und Golfer befragt, wobei sich fast ein Drittel dazu bekannte, im Leben schon einmal ein psychisches Problem gehabt zu haben. Die im Frühjahr 2023 veröffentlichten Ergebnisse lassen keine Zweifel offen: Golfspielen wirkt sich positiv auf die mentale Gesundheit aus. Überwältigende 95 Prozent der Befragten stimmten der Aussage grundsätzlich zu; 89 Prozent gaben an, diese Erfahrung persönlich gemacht zu haben. Lediglich ein Prozent war der Meinung, Golf habe keinen Einfluss auf die Psyche, und nur vier Prozent fanden, dass das Spielen nichts zur Verbesserung ihrer eigenen mentalen Gesundheit beigetragen habe.

Der grösste Nutzen des Golfspielens für das Wohlbefinden liegt gemäss den Befragten am Aufenthalt an der frischen Luft in Naturnähe (92 Prozent) sowie an der Ablenkung von Stress oder Sorgen (77 Prozent). Häufig als Vorteile genannt wurden auch eine aufgehellte Stimmung, ein gesteigertes Energieniveau, weniger Angststörungen, eine bessere Schlafqualität und ein erhöhtes Selbstwertgefühl. Darüber hinaus gaben 87 Prozent an, Golf gerade dafür zu schätzen, dass es ihnen die Möglichkeit zu sozialer Interaktion gebe. Dass man Golf aber auch bewusst alleine spielen kann, empfanden 20 Prozent der Befragten als Balsam für die Seele.

Ein durchwachsenes Bild zeigt die Umfrage zur Tabuisierung des Themas. Immerhin 46 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich vorstellen könnten, mit anderen Golfern über ihre psychische Gesundheit zu sprechen – ein Hinweis darauf, dass Golfclubs und Golfplätze immer öfter Raum für intime Gespräche bieten. Noch mehr, nämlich 61 Prozent, gaben allerdings an, allfällige Probleme lieber mit der Familie und Angehörigen zu besprechen. Vor allem aber waren mehr als 40 Prozent der Meinung, dass es in der Golfbranche noch immer zu wenig Bewusstsein für psychische Probleme gebe; 45 Prozent gaben an, sich diesbezüglich nicht sicher zu sein.

«Obwohl es in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gegeben hat, ist klar, dass es noch viel zu tun gibt im Hinblick auf das Bewusstsein für die psychische Gesundheit in der Branche», so John Woosey, Gründer von Golf Care zu den Erkenntnissen. Jeder in der Branche habe die Verantwortung, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen wohlfühlen, wenn sie über ihre psychische Gesundheit sprechen, unabhängig von ihrer Situation oder den Umständen. «Zu lange galten Golfplätze als übermässig maskuline Räume, in denen Menschen möglicherweise nicht offen über ihre Gedanken und Gefühle sprechen können», sagte er.

Was für Amateurgolfer gilt, gilt umso mehr für den knallharten, auf Erfolg, Geld und Pokale getrimmten Spitzensport. Kraftvoll, selbstbewusst, leistungsstark – so werden Athletinnen und Athleten gerne gesehen. So sehen sie sich selbst am liebsten. Dass die Realität aber oft anders aussieht, ist mittlerweile ins kollektive Bewusstsein gerückt. 2009, als der deutsche Fussballprofi Robert Enke Suizid beging, bekam das Idealbild vom nervenstarken Athleten erstmals Risse. Dann sprachen plötzlich Ikonen wie der Schwimmer Michael Phelps, Skistar Lindsey Vonn und Boxer Tyson Fury über mentalen Stress. Tennisstar Naomi Osaka und die Ausnahmeturnerin Simone Biles wurden gar zu Symbolfiguren der Debatte, weil sie ungewöhnlich offen darüber sprachen, wie es ihnen ging. Und im Profigolf? Hat glücklicherweise auch ein Umdenken stattgefunden.

Kein Tabuthema war die psychische Gesundheit jedenfalls für Rory McIlroy, als er sich nach dem enttäuschenden Auftritt beim Masters im April eine Auszeit nahm: Er habe sich unter seinem selbst auferlegten Druck «fragil » gefühlt und eine Pause gebraucht, um sich seinem mentalen und emotionalen Wohlbefinden zu widmen, sagte er. Und für Top-15-Spielerin Charley Hull war das Wissen um ihre Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und die Möglichkeit, frei darüber sprechen zu können, geradezu heilsam. Bevor sie einen Namen für ihr Leiden gehabt habe, sei sie sich «wie eine Gefangene in ihrem eigenen Kopf» vorgekommen, verriet die 27-jährige Engländerin Anfang Juli gegenüber Sports BBC – nur Tage, nachdem sie bei der U.S. Women’s Open Championship mit einer finalen 66er-Runde und einem geteilten zweiten Platz ihre Form wiedergefunden hatte.

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