Aus keinem anderen Land kommen so viele Elite-Golferinnen wie aus Südkorea. Die Gründe dafür reichen von der Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung über das nationale Toursystem bis hin zu ganz speziellen Essstäbchen.

Er wisse nicht, wer die U.S. Women’s Open gewinnen werde, aber er tippe mal auf eine Koreanerin, liess Hank Haney, ehemaliger Trainer von Tiger Woods, 2019 in einem Radiogespräch verlauten. Unglücklicherweise fügte er dann noch hinzu, er könne ohnehin keine sechs Spielerinnen auf der LPGA Tour aufzählen. «Aber wenn ich den Nachnamen Lee nenne, habe ich bestimmt einige rich­­tig, oder?», witzelte er. Sein Interviewer reagierte belus­tigt, doch im Netz machte sich Empörung breit. Eini­ge der betroffenen Spielerinnen sahen sich gar rassistisch und sexistisch beleidigt, worauf Haney von seiner Funktion als PGA-Tour-Radiokommentator suspendiert wurde.

Schade, hatte der legendäre Coach die Mühe gescheut, sich die aus westlicher Sicht gewiss schwer einzuprägenden Namen bewusst zu merken. Denn der Kern seiner Aussage – dass die Tour von Koreanerinnen dominiert wird – war richtig und hat drei Jahre später noch immer ihre Gültigkeit. Mit Jin Young Ko, In Bee Park, Sei Young Kim und Hyo Joo Kim stammen vier Top-Zwölf-Golferinnen der aktuellen Weltrangliste aus dem ostasiatischen Staat. Würde man die Neuseeländerin Lydia Ko, die Australierin Minjee Lee und die Amerikanerin Danielle Kang aufgrund ihrer koreanischen Eltern dazuzählen, wären es sogar sieben.

Dass kein anderes Land so viele Proetten hervorbringt, bestätigt auch der Global Odds Index: Gemäss einer weltweit angelegten Datenstudie stellt Südkorea 23 Prozent aller Elite-Golferinnen, gefolgt von Japan mit 20,11 und den USA mit 12,27 Prozent. Und dies, wohlgemerkt, obwohl Südkorea mit einer Bevölkerungsanzahl von 51,7 Millionen nur halb so viele Einwohner wie Japan und rund sechsmal weniger als die Vereinigten Staaten zählt. Dazu kommt, dass das einerseits von dichten Ballungsräumen und andererseits kaum bebaubaren hügeligen Weiten geprägte Land lediglich 117 Golfplätze aufweist – ein Drittel weniger als das topografisch und flächenmässig vergleichbare Österreich. Mit einer durchschnittlichen Greenfee von umgerechnet 200 Franken pro Person und Wochenende plus zusätzlichen Caddy-Kosten von bis zu 100 Franken ist Golf in Korea ausserdem alles andere als erschwinglich.

Warum in aller Welt kommen die besten Golferinnen also von der südlichen koreanischen Halbinsel? Eine gängige Erklärung verweist auf die konfuzianische Tradition mit ihren strengen Erziehungsmethoden und hohen Erwartungen an gesellschaftlichen Erfolg. Demnach gelten Fleiss, Disziplin und Gehorsamkeit als oberste Maximen. Das Bildungsniveau in Korea ist entsprechend hoch, der Leistungsdruck ebenso und die Chance auf einen Top-Job in der Wirtschaft für Männer nach wie vor besser als für Frauen, weshalb viele Mädchen auf eine Karriere in der Unterhaltungsindustrie oder im Sport setzen. Oder besser gesagt: deren Eltern. Die Major-Siegerin Sei Young Kim bezeichnete die «All-in-Strategie» koreanischer Eltern einst in einem Interview als Schlüsselfaktor: Viele seien bereit, sämtliche finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen der Familie in die Karriere ihrer Töchter zu investieren und notfalls auch einen Kredit aufzunehmen. Allein das setze die Mädchen unter einen enormen Leistungsdruck.

Tatsächlich? Oder entspricht dies doch mehr einem Klischee, fabriziert nach derselben westlich-ignoranten Denkweise, wie sie schon Haney an den Tag legte? «Nein, das stimmt teilweise schon», bestätigt Jae Jun Lee, Presseverantwortlicher der südkoreanischen Profigolferinnen-Tour KLPGA. Koreanische Eltern – insbesondere jener Generation, die während der bis 1988 geführten Militärdiktatur aufwuchs – hätten überaus hohe Ansprüche an ihre Kinder, und die Grenzen zwischen Engagement und Selbst­aufopferung, Enthusiasmus und Obsession seien fliessend. Doch was der Westen oftmals verkenne, sei die enorme Begeisterungsfähigkeit der Koreaner. «Wenn etwas in Korea populär wird, dann schlägt es ein wie eine Bombe und alle, wirklich alle wollen daran teilhaben», so Lee.

Nach dem Hauptgrund für den Erfolg koreanischer Golferinnen gefragt, nennt er deshalb Se Ri Pak und den Boom, den die aus Daejeon stammende Profispielerin Ende der 1990er-Jahre auslöste. Das Land steckte damals tief in der Wirtschaftskrise, umso euphorischer reagierte es auf den Sieg der damals 20-Jährigen bei den U.S. Women’s Open 1998 als bis dahin jüngste Titelträgerin in der Geschichte der renommierten LPGA Tour. «Se Ri Pak war zwar nicht die erste Koreanerin auf der Tour, aber ihr historischer Sieg machte sie zur Nationalheldin», erklärt Lee. «Ohne sie hätten Mädchen wie ich gar nicht erkannt, dass es einen Karriereweg zur US-LPGA gibt», betont denn auch Sei Young Kim, die bei Paks internationalem Durchbruch nur gerade fünfjährig war. Und nicht nur, dass in der Folge zahllose Mädchen schon im Kindergartenalter auf die Golfplätze stürmten, um ihrem Vorbild nachzueifern, auch das gesteigerte öffentliche Interesse an dem Sport rief auch immer mehr namhafte Firmen als Sponsoren auf den Plan und schuf für die jungen Spielerinnen (und deren Eltern) finanzielle Anreize.

33 Turniersiege, fünf Major-Titel und die Aufnahme in die World Golf Hall of Fame als jüngstes lebendes Mitglied im Jahr 2007 machten Pak zum «Postergirl» für den koreanischen Golf-Boom. Geradezu symbolisch ist ein Bild von ihr, in dem sie barfuss im Wasser steht – der Kontrast zwischen ihren sonnengebräunten Beinen und blassen Füssen als sichtbarer Beweis für endlose Trainingsstunden. Der Legende nach soll ihr Vater sie als Jugendliche sogar nachts auf den Friedhof geschickt haben, damit sie ihren Schwung üben konnte und abgehärtet wurde. Pak dementiert die Geschichte zwar, doch das hielt eine ganze Generation von «Se Ri Kids» genannten Nachwuchsspielerinnen nicht davon ab, Inspiration aus einem – aus westlicher Sicht – befremdlich harten Trainingsregime zu schöpfen und ebenso diszipliniert an ihrem Erfolg zu arbeiten.

Eine dieser «Se Ri Kids» ist In Bee Park, die 2008 als 19-Jährige Paks Rekord als jüngste U.S.-Open-Siegerin brach. Über die Jahre erlangte sie sieben Majortitel, führte insgesamt 106 Wochen lang die Weltrangliste an, gewann 2016 in Rio die erste Goldmedaille, seit Golf nach 112-jähriger Pause wieder olympisch wurde, und rangiert als nunmehr 33-Jährige beharrlich in den Top Ten. «Golfspielen ist das, was ich am liebsten tue. Und wenn gut zu spielen mit einem hohen Druck einhergeht, dann muss ich als Profigolferin eben damit klarkommen», erklärte sie einst in einem Interview kühl. Nicht minder tough gab sich Top-Ten-Kollegin Jin Young Ko in einem Pressegespräch, nachdem sie im Oktober 2021 mit 14 aufeinanderfolgenden Runden unter 70 Schlägen einen historischen Rekord erreicht hatte. Sie habe sich nach dem Sommer eine kurze Turnierpause gegönnt, um an ihrem Schwung zu arbeiten, und sei dabei morgens um 8 Uhr auf der Range gestanden und erst zum Abendessen wieder nach Hause gegangen. «Als ich eine Nachwuchsspielerin war, gab es Tage, an denen ich das Gefühl hatte, ich würde vor lauter Training sterben. Manchmal muss man sich eben auch als Profi wieder in diese Situation begeben», erklärte sie.

Allein das Vorbild Se Ri Pak und die Trainingsmoral erklären jedoch nicht, warum seit 2010 kaum ein Jahr ohne einen Major-Sieg einer Südkoreanerin verging und der Strom an zukünftigen Golfstars aus Ostasien nicht abzureissen scheint. Als wichtiger Pfeiler für den Erfolg gilt auch das Toursystem der KLPGA. Die erste Etappe für den Nachwuchs lautet Jump Tour, welche Turniere mit Profi- und Amateurspielerinnen umfasst. Die besten werden dann zur Dream Tour eingeladen, einem vollprofessionellen Circuit, deren Top-Golferinnen schliesslich die Teilnahme an der nationalen Profitour KLPGA als Sprungbrett zur LPGA angeboten wird. Bis dahin sind die Spielerinnen bereits hartgesottene Profis und gewohnt, unter Druck zu performen – kein Wunder, sicherten sich zwischen 2015 und 2019 fünf Koreanerinnen in Folge den LPGA-Titel «Rookie of the Year». Nicht ohne Neid hielt der amerikanische Golfstar Jessica Korda, Schwester der amtierenden Weltranglistenersten Nelly Korda, vor der Presse fest: «Ihr nennt sie ‹Rookies›, dabei haben sie beruflich schon zehn Siege hinter sich. Das ist ein riesiger Vorteil gegenüber den amerikanischen Mädchen, die vielleicht ein Jahr auf der Symetra Tour waren oder tatsächlich Rookies sind.»

«Se Ri Kid»: In Bee Park brach sie 2008 als 19-Jährige Paks Rekord als jüngste U.S.-Open-Siegerin und gewann 2016 in Rio die olympische Goldmedaille.

Das Phänomen ist demnach das Ergebnis mehrerer Faktoren: mo­ti­vierte Eltern, intensives Training, Leistungsdruck, Sponsorengelder und das leuchtende Beispiel der Nationalheldin Se Ri Pak. Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? In der lokalen Golfszene umgehört, scheinen sich auch enthusiastische Hobbygolfer wie der 50-jährige Handicap-10-Spieler Jae-Young Heo Gedanken zu dem Thema zu machen. «Das Interessante ist, dass Koreaner nicht nur im Golfsport sehr erfolgreich sind, sondern traditionell auch im Bogenschiessen – beides Outdoor-Sportarten, die durch die Einflüsse von Wind und Wetter eine hohe Konzentrationsfähigkeit, überragende Fingerfertigkeit und innere Ruhe bedürfen», sinniert er. Woher diese Fingerfertigkeit komme, könne er nicht sagen, aber halb im Ernst, halb scherzhaft verweist er auf das koreanische Essbesteck: «Wir Koreaner sind die einzigen der Welt, die Stäbchen aus Metall benutzen. Wer schon mal damit gegessen hat, weiss, dass sie weit schwieriger zu handhaben sind als die in Asien mehrheitlich verwendeten Holzstäbchen. Gut möglich, dass das jahrelange Metallstäbchentraining auch einen Einfluss hat.»

Bleibt nur noch die Frage, weshalb sich die Dominanz auf weibliche Golfer beschränkt, während mit Sungjae Im ein einziger südkoreanischer Mann in den Top 30 der aktuellen Weltrangliste weilt. Trainieren die Männer weniger hart? Werden sie von ihren Eltern eher auf beruflichen Erfolg getrimmt? Ist die Konkurrenz im Männergolfsport schlichtweg noch härter und die Luft für Leistungssteigerungen noch dünner? KLPGA-Presse­verantwortlicher Jae Jun Lee winkt ab: «Das öffent­liche Interesse am Frauengolf ist in Korea infolge des Se-Ri-Booms weit ausgeprägter als am Männergolf.» Die Proetten seien veritable Stars, die mit ihren Fans in engem Kontakt stehen und sich in den sozialen Medien auch optisch zu inszenieren wissen. «Ein solcher Starkult hat sich um die männlichen Golfer nie gebildet. Dadurch zählt die männliche Profitour in Korea nur halb so viele Sponsoren wie die KLPGA und ist für die Spieler auch nicht so lukrativ», erklärt er. Erschwerend hinzu komme für die Männer ein zweijähriger Militärdienst – ausgerechnet in jenem Alter, in dem die Sportler ihre beste Leistung abgeben könnten.

Das Land zählt also auf seine weiblichen Golfstars und mit über 30 Spielerinnen unter den besten 100 der Welt gibt es keine Anzeichen dafür, dass die koreanischen Frauen ihren Einfluss auf den Sport so bald aufgeben werden. Besser also, man gewöhnt sich an deren Namen und gerät auch nicht gleich aus dem Konzept, wenn einmal von Pak Se-ri und ein andermal von Se Ri Pak die Rede ist. Letzteres entspricht der westlichen Schreibweise, wohingegen der Familienname in Korea zuerst steht und die beiden Silben des Vornamens mit einem Bindestrich verbunden sind. Um ausserdem nochmal auf Hank Haneys Witzelei zurückzukommen: Nein, die allermeisten Koreaner heissen nicht Lee, sondern Kim. Sich allein schon diesen Nachnamen zu merken, ergibt in den aktuellen Top Ten einen Treffer.

Text: Nina Treml   FOTOS: Getty Images

Aus keinem anderen Land kommen so viele Elite-Golferinnen wie aus Südkorea. Die Gründe dafür reichen von der Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung über das nationale Toursystem bis hin zu ganz speziellen Essstäbchen.

Er wisse nicht, wer die U.S. Women’s Open gewinnen werde, aber er tippe mal auf eine Koreanerin, liess Hank Haney, ehemaliger Trainer von Tiger Woods, 2019 in einem Radiogespräch verlauten. Unglücklicherweise fügte er dann noch hinzu, er könne ohnehin keine sechs Spielerinnen auf der LPGA Tour aufzählen. «Aber wenn ich den Nachnamen Lee nenne, habe ich bestimmt einige rich­­tig, oder?», witzelte er. Sein Interviewer reagierte belus­tigt, doch im Netz machte sich Empörung breit. Eini­ge der betroffenen Spielerinnen sahen sich gar rassistisch und sexistisch beleidigt, worauf Haney von seiner Funktion als PGA-Tour-Radiokommentator suspendiert wurde.

Schade, hatte der legendäre Coach die Mühe gescheut, sich die aus westlicher Sicht gewiss schwer einzuprägenden Namen bewusst zu merken. Denn der Kern seiner Aussage – dass die Tour von Koreanerinnen dominiert wird – war richtig und hat drei Jahre später noch immer ihre Gültigkeit. Mit Jin Young Ko, In Bee Park, Sei Young Kim und Hyo Joo Kim stammen vier Top-Zwölf-Golferinnen der aktuellen Weltrangliste aus dem ostasiatischen Staat. Würde man die Neuseeländerin Lydia Ko, die Australierin Minjee Lee und die Amerikanerin Danielle Kang aufgrund ihrer koreanischen Eltern dazuzählen, wären es sogar sieben.

Dass kein anderes Land so viele Proetten hervorbringt, bestätigt auch der Global Odds Index: Gemäss einer weltweit angelegten Datenstudie stellt Südkorea 23 Prozent aller Elite-Golferinnen, gefolgt von Japan mit 20,11 und den USA mit 12,27 Prozent. Und dies, wohlgemerkt, obwohl Südkorea mit einer Bevölkerungsanzahl von 51,7 Millionen nur halb so viele Einwohner wie Japan und rund sechsmal weniger als die Vereinigten Staaten zählt. Dazu kommt, dass das einerseits von dichten Ballungsräumen und andererseits kaum bebaubaren hügeligen Weiten geprägte Land lediglich 117 Golfplätze aufweist – ein Drittel weniger als das topografisch und flächenmässig vergleichbare Österreich. Mit einer durchschnittlichen Greenfee von umgerechnet 200 Franken pro Person und Wochenende plus zusätzlichen Caddy-Kosten von bis zu 100 Franken ist Golf in Korea ausserdem alles andere als erschwinglich.

Warum in aller Welt kommen die besten Golferinnen also von der südlichen koreanischen Halbinsel? Eine gängige Erklärung verweist auf die konfuzianische Tradition mit ihren strengen Erziehungsmethoden und hohen Erwartungen an gesellschaftlichen Erfolg. Demnach gelten Fleiss, Disziplin und Gehorsamkeit als oberste Maximen. Das Bildungsniveau in Korea ist entsprechend hoch, der Leistungsdruck ebenso und die Chance auf einen Top-Job in der Wirtschaft für Männer nach wie vor besser als für Frauen, weshalb viele Mädchen auf eine Karriere in der Unterhaltungsindustrie oder im Sport setzen. Oder besser gesagt: deren Eltern. Die Major-Siegerin Sei Young Kim bezeichnete die «All-in-Strategie» koreanischer Eltern einst in einem Interview als Schlüsselfaktor: Viele seien bereit, sämtliche finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen der Familie in die Karriere ihrer Töchter zu investieren und notfalls auch einen Kredit aufzunehmen. Allein das setze die Mädchen unter einen enormen Leistungsdruck.

Tatsächlich? Oder entspricht dies doch mehr einem Klischee, fabriziert nach derselben westlich-ignoranten Denkweise, wie sie schon Haney an den Tag legte? «Nein, das stimmt teilweise schon», bestätigt Jae Jun Lee, Presseverantwortlicher der südkoreanischen Profigolferinnen-Tour KLPGA. Koreanische Eltern – insbesondere jener Generation, die während der bis 1988 geführten Militärdiktatur aufwuchs – hätten überaus hohe Ansprüche an ihre Kinder, und die Grenzen zwischen Engagement und Selbst­aufopferung, Enthusiasmus und Obsession seien fliessend. Doch was der Westen oftmals verkenne, sei die enorme Begeisterungsfähigkeit der Koreaner. «Wenn etwas in Korea populär wird, dann schlägt es ein wie eine Bombe und alle, wirklich alle wollen daran teilhaben», so Lee.

Nach dem Hauptgrund für den Erfolg koreanischer Golferinnen gefragt, nennt er deshalb Se Ri Pak und den Boom, den die aus Daejeon stammende Profispielerin Ende der 1990er-Jahre auslöste. Das Land steckte damals tief in der Wirtschaftskrise, umso euphorischer reagierte es auf den Sieg der damals 20-Jährigen bei den U.S. Women’s Open 1998 als bis dahin jüngste Titelträgerin in der Geschichte der renommierten LPGA Tour. «Se Ri Pak war zwar nicht die erste Koreanerin auf der Tour, aber ihr historischer Sieg machte sie zur Nationalheldin», erklärt Lee. «Ohne sie hätten Mädchen wie ich gar nicht erkannt, dass es einen Karriereweg zur US-LPGA gibt», betont denn auch Sei Young Kim, die bei Paks internationalem Durchbruch nur gerade fünfjährig war. Und nicht nur, dass in der Folge zahllose Mädchen schon im Kindergartenalter auf die Golfplätze stürmten, um ihrem Vorbild nachzueifern, auch das gesteigerte öffentliche Interesse an dem Sport rief auch immer mehr namhafte Firmen als Sponsoren auf den Plan und schuf für die jungen Spielerinnen (und deren Eltern) finanzielle Anreize.

33 Turniersiege, fünf Major-Titel und die Aufnahme in die World Golf Hall of Fame als jüngstes lebendes Mitglied im Jahr 2007 machten Pak zum «Postergirl» für den koreanischen Golf-Boom. Geradezu symbolisch ist ein Bild von ihr, in dem sie barfuss im Wasser steht – der Kontrast zwischen ihren sonnengebräunten Beinen und blassen Füssen als sichtbarer Beweis für endlose Trainingsstunden. Der Legende nach soll ihr Vater sie als Jugendliche sogar nachts auf den Friedhof geschickt haben, damit sie ihren Schwung üben konnte und abgehärtet wurde. Pak dementiert die Geschichte zwar, doch das hielt eine ganze Generation von «Se Ri Kids» genannten Nachwuchsspielerinnen nicht davon ab, Inspiration aus einem – aus westlicher Sicht – befremdlich harten Trainingsregime zu schöpfen und ebenso diszipliniert an ihrem Erfolg zu arbeiten.

Eine dieser «Se Ri Kids» ist In Bee Park, die 2008 als 19-Jährige Paks Rekord als jüngste U.S.-Open-Siegerin brach. Über die Jahre erlangte sie sieben Majortitel, führte insgesamt 106 Wochen lang die Weltrangliste an, gewann 2016 in Rio die erste Goldmedaille, seit Golf nach 112-jähriger Pause wieder olympisch wurde, und rangiert als nunmehr 33-Jährige beharrlich in den Top Ten. «Golfspielen ist das, was ich am liebsten tue. Und wenn gut zu spielen mit einem hohen Druck einhergeht, dann muss ich als Profigolferin eben damit klarkommen», erklärte sie einst in einem Interview kühl. Nicht minder tough gab sich Top-Ten-Kollegin Jin Young Ko in einem Pressegespräch, nachdem sie im Oktober 2021 mit 14 aufeinanderfolgenden Runden unter 70 Schlägen einen historischen Rekord erreicht hatte. Sie habe sich nach dem Sommer eine kurze Turnierpause gegönnt, um an ihrem Schwung zu arbeiten, und sei dabei morgens um 8 Uhr auf der Range gestanden und erst zum Abendessen wieder nach Hause gegangen. «Als ich eine Nachwuchsspielerin war, gab es Tage, an denen ich das Gefühl hatte, ich würde vor lauter Training sterben. Manchmal muss man sich eben auch als Profi wieder in diese Situation begeben», erklärte sie.

Allein das Vorbild Se Ri Pak und die Trainingsmoral erklären jedoch nicht, warum seit 2010 kaum ein Jahr ohne einen Major-Sieg einer Südkoreanerin verging und der Strom an zukünftigen Golfstars aus Ostasien nicht abzureissen scheint. Als wichtiger Pfeiler für den Erfolg gilt auch das Toursystem der KLPGA. Die erste Etappe für den Nachwuchs lautet Jump Tour, welche Turniere mit Profi- und Amateurspielerinnen umfasst. Die besten werden dann zur Dream Tour eingeladen, einem vollprofessionellen Circuit, deren Top-Golferinnen schliesslich die Teilnahme an der nationalen Profitour KLPGA als Sprungbrett zur LPGA angeboten wird. Bis dahin sind die Spielerinnen bereits hartgesottene Profis und gewohnt, unter Druck zu performen – kein Wunder, sicherten sich zwischen 2015 und 2019 fünf Koreanerinnen in Folge den LPGA-Titel «Rookie of the Year». Nicht ohne Neid hielt der amerikanische Golfstar Jessica Korda, Schwester der amtierenden Weltranglistenersten Nelly Korda, vor der Presse fest: «Ihr nennt sie ‹Rookies›, dabei haben sie beruflich schon zehn Siege hinter sich. Das ist ein riesiger Vorteil gegenüber den amerikanischen Mädchen, die vielleicht ein Jahr auf der Symetra Tour waren oder tatsächlich Rookies sind.»

«Se Ri Kid»: In Bee Park brach sie 2008 als 19-Jährige Paks Rekord als jüngste U.S.-Open-Siegerin und gewann 2016 in Rio die olympische Goldmedaille.

Das Phänomen ist demnach das Ergebnis mehrerer Faktoren: mo­ti­vierte Eltern, intensives Training, Leistungsdruck, Sponsorengelder und das leuchtende Beispiel der Nationalheldin Se Ri Pak. Oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? In der lokalen Golfszene umgehört, scheinen sich auch enthusiastische Hobbygolfer wie der 50-jährige Handicap-10-Spieler Jae-Young Heo Gedanken zu dem Thema zu machen. «Das Interessante ist, dass Koreaner nicht nur im Golfsport sehr erfolgreich sind, sondern traditionell auch im Bogenschiessen – beides Outdoor-Sportarten, die durch die Einflüsse von Wind und Wetter eine hohe Konzentrationsfähigkeit, überragende Fingerfertigkeit und innere Ruhe bedürfen», sinniert er. Woher diese Fingerfertigkeit komme, könne er nicht sagen, aber halb im Ernst, halb scherzhaft verweist er auf das koreanische Essbesteck: «Wir Koreaner sind die einzigen der Welt, die Stäbchen aus Metall benutzen. Wer schon mal damit gegessen hat, weiss, dass sie weit schwieriger zu handhaben sind als die in Asien mehrheitlich verwendeten Holzstäbchen. Gut möglich, dass das jahrelange Metallstäbchentraining auch einen Einfluss hat.»

Bleibt nur noch die Frage, weshalb sich die Dominanz auf weibliche Golfer beschränkt, während mit Sungjae Im ein einziger südkoreanischer Mann in den Top 30 der aktuellen Weltrangliste weilt. Trainieren die Männer weniger hart? Werden sie von ihren Eltern eher auf beruflichen Erfolg getrimmt? Ist die Konkurrenz im Männergolfsport schlichtweg noch härter und die Luft für Leistungssteigerungen noch dünner? KLPGA-Presse­verantwortlicher Jae Jun Lee winkt ab: «Das öffent­liche Interesse am Frauengolf ist in Korea infolge des Se-Ri-Booms weit ausgeprägter als am Männergolf.» Die Proetten seien veritable Stars, die mit ihren Fans in engem Kontakt stehen und sich in den sozialen Medien auch optisch zu inszenieren wissen. «Ein solcher Starkult hat sich um die männlichen Golfer nie gebildet. Dadurch zählt die männliche Profitour in Korea nur halb so viele Sponsoren wie die KLPGA und ist für die Spieler auch nicht so lukrativ», erklärt er. Erschwerend hinzu komme für die Männer ein zweijähriger Militärdienst – ausgerechnet in jenem Alter, in dem die Sportler ihre beste Leistung abgeben könnten.

Das Land zählt also auf seine weiblichen Golfstars und mit über 30 Spielerinnen unter den besten 100 der Welt gibt es keine Anzeichen dafür, dass die koreanischen Frauen ihren Einfluss auf den Sport so bald aufgeben werden. Besser also, man gewöhnt sich an deren Namen und gerät auch nicht gleich aus dem Konzept, wenn einmal von Pak Se-ri und ein andermal von Se Ri Pak die Rede ist. Letzteres entspricht der westlichen Schreibweise, wohingegen der Familienname in Korea zuerst steht und die beiden Silben des Vornamens mit einem Bindestrich verbunden sind. Um ausserdem nochmal auf Hank Haneys Witzelei zurückzukommen: Nein, die allermeisten Koreaner heissen nicht Lee, sondern Kim. Sich allein schon diesen Nachnamen zu merken, ergibt in den aktuellen Top Ten einen Treffer.

Text: Nina Treml   FOTOS: Getty Images