Krankenbett als Sprungbrett

Nach einem von gesundheitlichen Rückschlägen geprägten Jahr sorgt Albane Valenzuela in Florida für eines der wertvollsten Resultate in der Schweizer Golf­geschichte. Es dürfte erst der Anfang gewesen sein.

Kein Mann in den Top 500 der Weltrangliste, bis am 25. Februar 2021 keine Frau in den Top 400 des Rankings – sportlich ist die Schweiz im Golfsport auf Profiebene ein Zwergstaat. Doch eine 23-jährige Genferin macht sich im Alleingang daran, dies zu ändern. In der ersten Märzwoche belegt Albane Valenzuela in Ocala (Florida) an einem Turnier der LPGA-Tour Platz 5. Es ist ihr bisher bestes Resultat – und vielleicht das wertvollste Ergebnis in der Schweizer Golfgeschichte.

Der Vergleich von Leistungen aus verschiedenen Epochen und beider Geschlechter ist heikel. Evelyn Orley und André Bossert hatten 1990 respektive 1995 an kleinen Turnieren der europäischen Circuits triumphiert. Julien Clément hatte 2008 mit Platz 3 am Omega European Masters in Crans-Montana für Aufsehen gesorgt. Doch keiner
dieser Erfolge kam im direkten Vergleich mit der absoluten Weltspitze zustande. In Ocala schlugen hingegen sechs Spielerinnen aus den Top 7 des Rankings ab. Und all diese Stars klassierten sich hinter Valenzuela.

Kennt man die Vorgeschichte, erscheint Valenzuelas Exploit noch beeindruckender. «2020 war für mich sehr herausfordernd», erzählte sie in einem Videointerview. Eine krasse Untertreibung: Herausfordernd war für die Absolventin der Eliteuniversität Stanford, dass sie als Tour-Neuling bei ihren Eltern auf den Bahamas zuweilen das Haus wegen der Pandemie nicht verlassen durfte und daher nicht genügend trainieren konnte. Dass die Abschlussfeier der Uni, an der sie mit Topnoten geglänzt hatte, nur virtuell stattfand, war kaum der Rede wert.

Doch nachdem ihr der Wiedereinstieg nach der Corona-Zwangspause gut gelungen war, stellten sich gegen Ende August Schulterbeschwerden ein. Es waren die ersten Anzeichen einer Nervenverletzung, die sich kontinuierlich verschlimmerte. «Ich hatte vom Nacken bis zu den Fingern fast kein Gefühl mehr», beschrieb sie ihre Symptome. Vorerst spielte sie weiter, «immer unter Schmerzen». Doch im Oktober zog die in New York geborene Tochter einer Französin und eines Mexikaners die Notbremse und brach die Saison ab.

Die Pause war für den beschädigten Nerv gut, doch dafür musste bei der Profigolferin der entzündete Blinddarm operativ entfernt werden. Doch bei Albane Valenzuela waren aller schlechten Dinge drei – sie erkrankte auch noch an Covid-19. «Ich verbrachte in den letzten fünf Monaten sehr viel Zeit im Bett», fasste sie die schwierige Zeit zusammen. Und mit einem Lächeln fügte sie an, sie habe so viele MRI-Untersuchungen und andere Tests hinter sich, dass sie einfach froh sei, wieder einen Golfball schlagen zu können.

Auch das eine Untertreibung. Sie schlägt die kleine Kugel nicht nur irgendwie, sie kontrolliert diese brillant. Ihr ist es gelungen, das Krankenbett als Sprungbrett zu nutzen. In Ocala gelangen Valenzuela in der drittletzten Runde sechs Birdies; sie absolvierte den Par-72-Parcours in 66 Schlägen. Das war am viertägigen Wettkampf die zweitbeste Runde überhaupt und verhalf ihr zum Erfolg in einem kleinen innerfamiliären Wettstreit. Sie hatte 2018 gleichenorts ihren Bruder Alexis, der trotz Autismus mittlerweile ein normales Leben führen kann, am Qualifikationsturnier für die US-Meisterschaften der Junioren als Caddie begleitet. Alexis war damals eine 68er-Runde gelungen, weshalb er seine Schwester aufforderte, ihn zu unterbieten. «Nun schuldet er mir einen Kaffee», erzählte sie im Videointerview.

Der bescheidene Wetteinsatz dokumentiert, dass die 23-Jährige nicht abgehoben hat. Obwohl sie aus gutem Haus kommt. Obwohl in Stanford keine Geringere als die ehemalige US-Aussenministerin Condoleezza Rice ihre Beraterin war. Obwohl sie sich schon als 18-jährige Amateurin für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizierte und dort Platz 21 belegte. Obwohl sie als erste Schweizerin den Durchbruch auf höchster Stufe geschafft hat. Und obwohl ihr Sponsoren-Portfolio schon jetzt beeindruckend ausfällt.

In den Kampf um den Sieg vermochte Valenzuela in Florida nicht einzugreifen. Dank einem Birdie am Schlussloch sicherte sie sich den alleinigen 5. Platz. Dieser trug ihr mit knapp 63’000 Dollar das bisher mit Abstand höchste Preisgeld ein, liess sie in der Weltrangliste in die Top 200 vorstossen und sicherte ihr nach menschlichem Ermessen die erneute Olympiaqualifikation.

Und dies dürfte erst der Anfang gewesen sein. Denn Albane Valenzuela ist extrem zielstrebig, wie sie mehrfach bewiesen hat. Zum Beispiel, als sie mit 14 Jahren aus eigenem Antrieb den Schweizer Pass erlangte. Oder als sie mit 17 zwei Monate mit Golfen aussetzte, um sich optimal auf die Maturaprüfung vorzubereiten. Oder als sie in Stanford sowohl schulisch als auch sportlich brillierte.

Und an Talent fehlt es der Genferin, die Englisch, Französisch und Spanisch perfekt beherrscht und auch Deutsch spricht, sowieso nicht. Sie hat sich bisher auf jeder Stufe als Ausnahmekönnerin ausgezeichnet; bei den Amateurinnen war sie die Nummer 2 der Welt. Und wenn sie gesund bleibt, wird sie auf Profiniveau schon bald regelmässig für Furore sorgen und der Schweiz in der internationalen Golfszene endlich etwas Respekt verschaffen.

Text: Adrian Ruch | Bilder: Getty Images

In der ersten Märzwoche belegte Albane Valenzuela in Ocala (Florida) an einem Turnier der LPGA-Tour Platz 5. Es ist ihr bisher bestes Resultat.

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