Noch ist es zu früh, um Tiger Woods’ Sohn Charlie eine grosse Karriere im Golfsport vorauszusagen. Talent zeigt der 14-Jährige aber allemal. Humor ebenfalls.
TEXT: NINA TREML | FOTOS: GETTY IMAGES
Mit 82 Siegen auf der PGA Tour, 15 Major-Titeln, insgesamt 683 Wochen an der Spitze der Weltrangliste und mindestens zwei Dutzend Rekorden hat er das Spiel in den letzten 25 Jahren geprägt wie kein anderer: Tiger Woods. Den Namen kennt jeder, der einen Golfschläger von einem Spazierstock und den dazugehörigen Ball von einem Hühnerei unterscheiden kann (oder zumindest mal eine Seite in der Klatschpresse aufgeschlagen hat, auf der die Sexskandale des prominenten Amerikaners breitgetreten wurden). Durch alle Medien ging denn auch der horrende Autounfall, bei dem er sich im Februar 2021 derart schlimme Beinverletzungen zuzog, dass die Ärzte eine Amputation in Erwägung zogen, – gefolgt von einem heroischen, wenngleich vorsichtigen Comeback auf die grosse Sportbühne. Kann man es der Welt da verdenken, dass sie seinem ebenfalls golfenden Jungen nicht nur Interesse schenkt, sondern eine belastende Frage aufbürdet? Nämlich: Ist das der nächste Tiger Woods?
Das Talent lässt sich Charlie nicht absprechen. Der am 8. Februar 2009 geborene Sprössling aus Tigers erster Ehe mit dem schwedischen Ex-Model Elin Nordegrenbeendete schon sein allererstes Turnier bei der U.S. Kids Golf Competition im Sommer 2016 auf Rang zwei; vier Jahre später eroberte er mit fünf Schlägen Vorsprung gar die Spitze der Rangliste. Gerade mal elfjährig war er da – gemäss Papa Woods offenbar alt genug, um an seiner Seite erstmals internationale Turnierluft zu schnuppern. So nahmen Vater und Sohn Ende 2020 gemeinsam an der PNC Championship im Ritz-Carlton Golf Club in Orlando teil, und Charlie als jüngster Teilnehmer des traditionsreichen Familienwettbewerbs stahl mit seinem selbstsicheren Auftreten, Ehrfurcht einflössenden Spiel und einzigen Eagle des Events allen die Show. «Das ist das erste Turnier, bei dem Tiger Woods mitspielt und wo er nicht der Star ist», konstatierte Europas Ryder- Cup-Kapitän Pádraig Harrington, der mit seinem 17-jährigen Sohn den 20. und letzten Rang belegte, 13 Plätze hinter dem Team Woods.
Als das Duo im Dezember 2021 erneut bei der PNC Championship antrat, lag der Fokus wiederum auf Tiger. Immerhin war es seine erste Turnierteilnahme, seit er sich bei seinem Autounfall zehn Monate vorher schwer verletzt und eine Rückkehr zumindest als Teilzeitprofi verkündet hatte, und trotz sichtlicher Schmerzen beim Gehen lautete die Botschaft: Seht her, ich gebe nicht auf, kämpfte mich langsam, aber sicher zurück! Dass das Gespann nach elf Birdies in Folge eine fantastische 57 erzielte – nur einen Schlag hinter dem Turnierrekord und zwei Schläge hinter dem sieg- reichen Team mit John Daly und dessen 18-jährigem Sohn John II – wurde als Gemeinschaftserfolg gewertet: Tiger Woods konnte unter Beweis stellen, dass er trotz allem noch immer Tiger Woods war, und Charlie Woods trug mit einer mehr als respektablen Performance zum Ergebnis bei.
Im September 2022 dann Charlies erster weltweit beachteter Einzelerfolg: Beim Qualifikationsturnier zur Notah Begay III Junior Golf National Championship notierte er mit einer 68 seine bis dahin beste Turnierrunde. Wie so häufig bei Charlies Turnieren dabei: Tiger, der es in dieser Saison zu nur gerade neun Profiturnierrunden gebracht hatte, es sich aber nicht nehmen liess, seinen Filius als Caddie an der Tasche zu begleiten und für Ende Jahr eine erneute Teilnahme an der PNC Championship anzukündigen. Obschon es dabei nur für einen geteilten achten Platz reichte, vermochte das Team Woods die Golfwelt einmal mehr zu begeistern. Und mehr denn je wurde dabei klar, woher die Begeisterung rührt: nicht nur von den traumhaften Schlägen, die das angeschlagene Duo (wegen einer Knöchelverletzung humpelte diesmal auch Charlie) scheinbar mühelos aus dem Ärmel zauberte, sondern von der sichtlichen Spielfreude, die die beiden verband.
Durch dessen gemeinsame Auftritte mit seinem Sohn bekam die Welt einen Tiger zu sehen, wie sie den 47-jährigen Über-Golfer nicht kannte: ausgelassen, bereitwillig, auch mal die zweite Geige spielend und vor Vaterstolz geradezu platzend. «Es hat uns beiden unglaublich Spass gemacht», sagte er etwa vor der Presse. «Das waren einige sensationelle Schläge», lobte er seinen Sohn. «Ich wünschte, ich hätte noch seine Beweglichkeit», gestand er. «Charlie macht alle Schläge und ich hole bloss die Putts aus dem Loch», wies er Lob von sich. Und was die Schlagweite des Youngsters angeht: «Ich hasse es, das zugeben zu müssen, aber er hat es tatsächlich einmal geschafft, mich zu überholen.» Noch habe er über 18 Loch zwar die Nase vorne, «aber es wird unweigerlich kommen, dass Charlie mich besiegt». Und während sich der Junior bei der letzten PNC Championship ein freches Trash-Talk-Duell mit Top-10-Spieler Justin Thomas und dessen Vater Mike lieferte, stand Woods Senior nicht etwa beschämt, sondern freudestrahlend daneben. «Ich bin stolz auf dich, Kumpel», liess er ihn bei der folgenden Pressekonferenz wissen – und meinte damit gewiss nicht nur seine sportliche Souveränität.
Doch der Hype um «Baby Tiger», der Umstand, dass jeder seiner Schwünge, Gesichtsausdrücke, ja jede noch so beiläufige Regung auf dem Platz von unzähligen Kameras eingefangen, streng beurteilt und mit denen seines legendären Vaters verglichen wird, geht Tiger bisweilen zu weit. «Natürlich möchte ich, dass er das Beste gibt, was er kann. Ich möchte, dass er aus allem lernt», liess er in einer Folge von «Another Golf Podcast» verlauten. Aber er wolle seinen Sohn auch beschützen – besonders in der heutigen Zeit. «Als ich aufwuchs, gab es keine Handys, keine Videos.» Die Leute sollen den mittlerweile 14-Jährigen nicht unter Druck setzen, ihn einfach spielen lassen, plädierte er: «Lasst ihn einfach Kind sein, okay?»
Verständlich ist diese Abwehrhaltung allemal, weiss der einst als Wunderkind gehandelte Golfprofi doch um die Tücken der öffentlichen Aufmerksamkeit, während man aufwächst und seine Form erst noch finden muss. Wie kein anderer versucht er ausserdem, sein Privatleben für MagazinGolf.ch 35 sich zu behalten – kein Medienvertreter auf der Welt kann ernsthaft behaupten, den Menschen hinter Tiger Woods wirklich zu kennen. Und schliesslich wäre da noch sein ausgeprägter Familiensinn, erkennbar allein schon darin, dass er bei seiner Rede zur Aufnahme in die World Golf Hall of Fame im März 2022 kaum Worte über den Sport, seine Triumphe und Sponsoren verlor, sondern vor allem seiner Frau und seinen Kindern dankte.
Umso mehr betrachten es einige Kritiker allerdings als Widerspruch, dass der Golf-Superstar seinen Jungen ins Rampenlicht rückt. Tiger sei zweifelsohne ein beschützender Vater, schrieb die britische Tageszeitung «The Guardian», die Entscheidung, seinen Sohn bei der PNC Championship auftreten zu lassen, aber bemerkenswert. «Die beiden können in abgeschlossenen Wohngemeinden Floridas abseits von neugierigen Blicken spielen, wann immer sie wollen. Stattdessen hält es Tiger für sinnvoll, Charlie mit einem Golfschläger in der Hand in die Öffentlichkeit zu katapultieren.» Das Kind werde einer Überprüfung unterzogen, die von Aussenstehenden als ungesund gewertet werden könne. «Wie soll Charlie wieder in die Normalität eines Klassenzimmers zurück- kehren können, nachdem er 72 Stunden lang durch den Golf- Channel geschleift wurde?», fragte der Autor. Das deutsche Online-Magazin «Golfpost.de» schrieb wiederum von einer «Wood’schen Ambivalenz»: «Er selbst schwankt zwischen Aufhören und der Jagd auf den 16. Major-Titel und mäandert beim Junior zwischen väterlicher Fürsorge und sportlichem Anspruch.» Nicht unproblematisch erscheint dabei auch, dass Tiger einerseits stark betont, dass der Spass im Vordergrund stehe («Ich möchte einfach nur, dass Charlie es geniesst.») und er keinerlei Druck auf den Sohnemann ausübe («Es liegt an ihm, ob er eine Profikarriere verfolgen möchte oder nicht.»), andererseits aber durchblicken lässt, dass er die Strenge seines eigenen Vaters Earl direkt an seinen Sohn weitergibt. «Wenn du keinen Aufwand reinsteckst, wenn du dir keine Mühe gibst, wirst du erstens keine guten Ergebnisse erzielen und zweitens – das ist noch viel wichtiger – verdienst du auch keine», habe ihn der 2006 verstorbene Vietnamveteran unter anderem gelehrt. Und auch dieser Ansatz stammt von seinem väterlichen Vorbild: «Sohn, du wirst nie mein Freund sein. Ich werde immer freundlich sein, aber ich werde immer dein Vater sein.»
Und Charlie Woods selbst? Der lächelt. Lächelt sein spitzbübisches Lächeln, während er mit grosser Eleganz abschlägt, mit eisernen Nerven puttet, mit seinem Vater schäkert, mit anderen Spielern frotzelt und grinst, wenn aus dem Publikum ein «Baby Tiger»- oder «Little Cat»- Ruf erklingt. Bei all dem Rummel scheint er die als Dreijähriger entdeckte Leidenschaft fürs Golfen doch nicht verloren zu haben – im Gegenteil. Ganz unverdorben zeigt sich der 14-Jährige selbst bei Mediengesprächen: «Das Wichtigste ist, einfach Spass zu haben», betonte er Ende 2022. Und den hat er offensichtlich auch, wenn er seinem Vater öffentlich eins austeilen kann: In einem Interview nach den Caddie-Qualitäten des 15-fachen Major-Siegers gefragt, meinte er kaltschnäuzig: «Er hat ein paar Mal vergessen, mir den Putter zu reichen. Das sagt schon alles.»
Dass Charlie Woods ein «grossartiger Bursche und ein grossartiger junger Golfer» ist, wie der Weltranglistenerste Rory McIlroy es ausdrückte, steht ausser Zweifel. Bereits nach zwei Jahren auf der internationalen Bühne entwickelte er sich spielerisch deutlich weiter, wurde selbstsicherer, routinierter, legte sichtlich auch an Muskelmasse zu, entwickelte sich langsam vom Kind zum jungen Teenager. Egal, wie weit er es noch bringt – ob er am Druck zerbricht, ob er das Interesse verliert oder ob er einst Major-Siege abräumt, wie ihm vielfach prophezeit wird –, wird er immer der Sohn von Tiger Woods bleiben. Allein die Zeit wird zeigen, ob das mehr Fluch oder Segen ist. Zu wünschen ist ihm Letzteres.