Der Hüter der Golf-Etikette

Bob Snoddon, Clubsekretär beim Golf & Country Club Zürich gilt als Hardliner in Sachen Golf-Etikette. Im Interview erzählt der Brite, wie er auf Verstösse reagiert. Und ob er selbst auch mal die Regeln bricht.

Das Shirt gehört in die Hose, das Mobiltelefon auf stumm geschaltet, die Sprache gemässigt, ein herausgeschlagenes Grasstück auf dem Fairway wieder eingesetzt und ein verschossener Ball eingesammelt, um nur einige der vielen Dos and Don’ts im Golfsport aufzuzählen. Kennen tun sie alle Spielerinnen und Spieler mit Platzreife, einhalten jedoch nicht immer, wie Robert «Bob» Snoddon bedauert. Der ehemalige Kommandant der Royal Navy ist schon seit sieben Jahren Clubsekretär beim Golf & Country Club Zürich bei Zumikon – und berühmt-berüchtigt dafür, auf das Einhalten der Etikette zu beharren.

Bob Snoddon, Ihre Präsenz sorgt bei Clubmitgliedern angeblich für weiche Knie. Zu Recht?

Nein, meistens nicht. Wenn ich mit meinem Buggy mit der Aufschrift «Secretary» bei einer Gruppe von Spielern vorbeischaue, denken sie oft, sie hätten etwas falsch gemacht. Dabei will ich bloss «Hallo» sagen. Nur gelegentlich muss ich einen Flight darum bitten, das Spiel zu beschleunigen, um andere nicht aufzuhalten. Spielgeschwindigkeit ist ein grosses Thema – gerade in Zumikon, wo der Kurs sehr lang und anspruchsvoll ist.

Aber irgendwoher muss er doch kommen, Ihr Ruf als strenger Etikettenhüter.

Wahrscheinlich von meinem militärischen Background. Während 37 Jahren diente ich in der Royal Navy; ich stieg vom einfachen Seemann zum Commander auf. Regeln zu befolgen und ab einem gewissen Rang durchzusetzen gehört im Militär dazu. So qualifizierte ich mich denn auch für den Job als Clubsekretär im Golf & Country Club Zürich.

Sie weisen die Mitglieder im Militärton zurecht?

Wenn Sie damit meinen, dass ich übellaunig und herrisch auftrete, nein, natürlich nicht. Die Etikette hat im Golfsport besondere Bedeutung, sie steht am Anfang des Regelbuches. Die Leute machen Fehler, oft unabsichtlich, und da ist es eben mein Job, sie daran zu erinnern, dass sie sich auf dem Golfplatz oder im Clubhaus befinden. Freundlich und mit einer Prise Humor, aber bestimmt.

Welches ist in Ihren Augen das schlimmste No-Go?

Spielern, die nur die Hälfte des Kurses absolvieren wollen, ist es bei uns streng untersagt, bei Loch Nummer zehn zu starten, wenn andere bereits bei Nummer neun sind. Das steht sogar auf einem Schild, trotzdem missachten viele diese Regel, was dann zu Beschwerden führt. Dafür gibt es keine Ausrede.

Und der häufigste Regelbruch?

Telefonieren. Wie viele andere Clubs dulden wir das weder im Clubhaus noch auf dem Golfkurs. Sie können SMS schreiben und E-Mails lesen, aber zum Telefonieren gehen Sie bitte auf den Parkplatz. Wenn einer sagt «Ich bin Arzt und gerade auf Abruf», dann frage ich ihn, was er auf dem Golfplatz zu suchen habe, wenn er auf Abruf ist. In diesem Fall hat er den Kopf nicht bei der Sache – und folglich wenig Spass beim Spielen.

Sind es vor allem Anfänger, die gegen die Etikette verstossen?

Nein, ich erlebe auch erfahrene Spieler mit mangelhafter Etikette. Gewisse Regelbrüche passieren aber vor allem Jüngeren. Es gibt zum Beispiel viele, die ihr Cap mit dem Schirm nach hinten tragen – sei es als Fashion-Statement oder weil sie ihren Nacken vor der Sonne schützen wollen. Ihnen sage ich: Tragen Sie Ihr Cap richtig oder gar nicht.

Trägt jemand sein Cap verkehrt herum, hält er weder andere Spieler auf, noch gefährdet er jemanden. Warum ist der Dresscode so wichtig?

Niemand will einen Spieler mit einem Fussballshirt, Jeans oder Cargo Pants auf dem Platz sehen. Das ist nicht smart, es gehört sich nicht. Denken Sie an Wimbledon, dort tragen ja auch alle weiss.

Eine sehr britische Tradition also.

Wahrscheinlich schon. Aber wenn Sie in einem exklusiven Club in Frankreich, Spanien oder in den USA spielen, sind Sie mit Jeans genauso fehl am Platz.

Und je teurer der Club, desto strenger die Kleiderordnung?

Nicht unbedingt. Unser Club ist tatsächlich sehr exklusiv, was vor allem mit dem teuren Standort und der Schwierigkeit des Kurses zu tun hat. In England bin ich hingegen Mitglied eines Clubs, den sich Installateure genauso leisten können wie Rechtsanwälte. Dort wird nicht weniger auf das Einhalten der Etikette wertgelegt. Überhaupt halte ich es für ein Missverständnis, dass Golf als elitär gilt.

Dann einigen wir uns zumindest darauf, dass Golf sehr konservativ ist.

Ich bin so aufgewachsen, dass man Frauen die Autotür öffnet, aufsteht, wenn sie an den Tisch kommen, ihnen den Stuhl zurechtrückt. Und ich stamme wohlgemerkt aus einer Arbeiterfamilie. Mir ist natürlich bewusst, dass viele Benimmregeln heute nicht mehr gelten, aber einen gewissen Standard gilt es dennoch aufrechtzuerhalten, auch bei uns im Club. So verlangen wir beispielsweise von Männern, dass sie im Clubhaus ihren Hut ablegen und im Restaurant ein Jackett tragen, notfalls ein von uns geliehenes. Und wenn sich jemand dem Personal gegenüber unhöflich benimmt, wird er schon mal gebeten, den Club zu verlassen. Was ist falsch daran, gute Manieren und einen guten Stil zu kultivieren? Für mich ist das weder altmodisch noch elitär, sondern schlicht eine Frage von Charakter.

Aber Sie verstehen schon, dass die Etikette abschreckend wirken kann?

Es geht aber nicht darum, Leute abzuschrecken und auszuschliessen, ganz im Gegenteil: Dieselben Regeln zu befolgen verbindet, und bei kaum einem Sport kommen so viele unterschiedliche Menschen zusammen – fürs Business, privat und manchmal finden sich sogar Liebespaare. Die gemeinsame Etikette macht Golfer zum Teil einer grossen Familie.

Was sagen Sie zu Leuten, die sich zwar an die Kleiderordnung halten, aber sonst mit einem schrillen Auftritt anecken, sagen wir mal durch auffällige Tattoos?

Ich kann mir vorstellen, dass sich einige konservativ eingestellte Mitglieder unseres Clubs daran stören, aber ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem. Ich bin den Anblick gewohnt – im Militär sind viele tätowiert.

Wann brechen Sie eigentlich die Regeln?

Nie.

Gar nie?

Na schön, einmal habe ich vergessen, ein Billett für die Bahn zu kaufen. Ich wurde nicht erwischt, war aber sehr beschämt, als ich es bemerkte. Ich habe dann sofort ein Abo gekauft, damit das nicht mehr passiert.

Aber es muss doch etwas geben, bei dem Sie bewusst gegen den Strom schwimmen!?

Ich trage zum Beispiel immer Golfshorts. Zu jeder Jahreszeit, also auch im Winter und sowohl auf dem Platz als auch zum Einkaufen. Die Leute finden das natürlich seltsam. Ich scherze dann immer, dass ich so weniger Wäsche zu erledigen habe. Tatsächlich bin ich es einfach gewohnt – ich musste schon als Kind mit Shorts zur Schule und finde die Kälte angenehm. Während der Arbeit trage ich dafür einen Anzug mit Hemd und Krawatte. Immer, selbst bei über 30 Grad. Da geht es darum, dass ich mich optisch von den Mitgliedern unterscheide, damit alle sofort wissen, an wen sie sich bei Fragen wenden müssen.

Und bei wem sie weiche Knie kriegen müssen.

NINA VETTERLI (TEXT) | RUBEN SPRICH (FOTOS)

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